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27. August 2020
Der diskrete Charme des Nichtwissens.

Die schiere Größe dessen, was wir nicht wissen, kann schon überwältigend sein. Auszuhalten, dass wir kleine Menschen hier irgendwo im All rumhängen und keine Ahnung haben, wieso das bis jetzt immer irgendwie gut ging. Wieso wir nicht alle runterfallen. Wir können das Konzept von Unendlichkeit im Raum nicht wirklich begreifen, Endlichkeit und NICHTS vielleicht noch weniger. Das zu ertragen braucht Stärke und Demut, sagt meine kluge Frau. Und dann schneidet sie Paprika in Streifen.

Vertrauen, Demut und Stärke – wir brauchen so viel davon für dieses Menschsein. Wir leben in einem absurd kurzen Zeitraum zwischen Geburt und Tod und sollen akzeptieren, dass sich an diesem Setting nichts ändern lässt. Dass wir nicht wirklich wissen können, was das alles soll und was danach sein wird. Und dann kommt auch noch Corona daher. Nicht so verwunderlich, dass hier und da das Bedürfnis nach Eindeutigkeit aufkommt – auf der einen wie der anderen Seite des aktuellen Meinungsspektrums. Ich vermute allerdings, dass die Suche nach unverrückbaren Wahrheiten, das Festhalten an wasserfesten Antworten und dem einen Wissen viel eher in die soziale Distanz führen wird, als es ein respektvoller Abstand je tun könnte.

Warum mich also nicht auch hier der Unendlichkeit meiner Ignoranz hingeben und einfach mal auf Verdacht ein wenig vorsichtig sein, ganz pragmatisch und ohne zu wissen, ob ich das in drei Jahren auch noch so tun würde? Warum nicht die Grenzen dessen, was ich in einer hochkomplexen Situation begreifen kann, hinnehmen und mich bemühen, jeden Moment aufs Neue eine fragende, offen Haltung einzunehmen? Gesellschaft funktioniert in Widersprüchen. Mit Entscheidungen und Irrtümern, Kompromissen und Dissenz.

Klar gibt es Situationen, in denen es gut ist, Dinge zu wissen. Als Masseurin beziehe ich mich beispielsweise auf Jahrhunderte altes Erfahrungswissen über den menschlichen Körper – kann mich dann aber vor diesem Hintergrund vom einzelnen Menschen überraschen lassen. Zuhören. Raum lassen für das indische „vielleicht, vielleicht aber auch nicht“. Wenn so etwas im Kleinen geht, ist es auch in der Gemeinschaft möglich. Denn „nicht zuletzt“ (schreibt Margarete Stokowski), „hat einer der berühmtesten Philosophen der Welt, Sokrates, seinen kompletten Ruhm damit erlangt, dass er gesagt haben soll: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Fame durch Demut: Es ist möglich.“

Aber wer weiß – vielleicht ist ja auch alles ganz anders.