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6. Januar 2023
Frieden.

Jedes Jahr, in der Zeit zwischen der Zeit, schreiben meine jeweilige Bezugsgruppe und ich 13 Wünsche auf, von denen 12 auf die eine oder andere Art einzeln verbrannt und damit der Fürsorge des Universums anheimgegeben werden. Um den 13. muss sich jede selber kümmern.
Jedes Jahr, in der Zeit zwischen der Zeit, zittere ich ein wenig ob der Möglichkeit,
mich am Ende um den Weltfrieden kümmern zu müssen.

Irgendwie ein Witz, irgendwie nicht.

Seitdem ich alt genug bin, die Strukturen unserer globalen Gesellschaft auch nur annähernd  verstehen zu glauben, kenne ich Verantwortung für die Welt immer auch als etwas, das auf meinen Schultern lastet. Kenne das Überwältigtsein von der schieren Größe all dessen, was überall so schiefläuft. Zum Beispiel eben Gier und Hass, Ausbeutung und Vernichtung: Krieg. Was kann ich als Einzelne bloß tun, damit das ein Ende hat? Damit die Menschen sich liebhaben? Wie vielen Initiativen kann ich beitreten, wie viel konkretes Verändern bewirken? Könnte ich nicht WENIGSTENS wieder regelmäßig diesen blog in die Welt schicken, auf dass er hier und da – wie im Foto oben – Blumen ins Spiel bringen möge?

Ausatmen.

Erstmal die letzte dieser Fragen beantworten: regelmäßig schreiben NEIN, heute JA.
Und JA, es gibt viele wunderbare Wege, den Boden zu bereiten für die Samen des Friedens, für das beschützte Wachsen und Erblühen. Manche dieser Wege erregen weltweite Aufmerksamkeit, wagen sich an die ganz großen Erzählungen oder bringen lokal Menschen zusammen, die gärtnern wollen für das Miteinander. Unabhängig davon, was uns persönlich stimmig und politisch sinnvoll erscheint: im Kern jeder großen und kleinen friedlichen Handlung lebt die Erkenntnis, dass alle und alles zusammengehören. Dass das kleine oder große friedliche Handeln ein Leuchten ist, in dem unser aller Verbundenheit klarer sichtbar wird und „Verantwortung für die Welt“ einen neuen Klang bekommt.
Manchmal rührt mich das zu Tränen –
wie gestern, als uns zwei Freund:innen nach einem wunderbaren,
langen, geteilten Nachmittag ein Abschiedslied sangen.

Einander musikalisch in die Nacht hinaus begleiten, uns mit aneinandergelegten Händen vor dem Licht im Gegenüber verbeugen, mit einer Chrysantheme vor Gewehrläufe stellen – wie auch immer wir Verbundenheit zum Ausdruck bringen mögen…
das Friedliche darin ist als Potential unabhängig von allen Umständen. Es lebt in unserem Ausatmen, in dem Raum in uns, der frei ist – einem Raum, in dem es kein Angst haben oder Angst machen gibt. Der klassische Yoga hat dazu eine Menge Ideen – und ganz ehrlich: hab ich diesen Text heute vor allem deshalb geschrieben, damit ich Euch JETZT diesen wunderbaren Artikel ans Herz legen kann, der so ungefähr alles (und noch viel mehr) beinhaltet, was ich an einem nebligen Januartag im frischen neuen Jahr gerne sagen würde.

Enjoy.

 

Der Artikel
erschien Dezember 2022 in der Zeitschrift des Berufsverbandes der Yogalehrenden in Deutschland –
und wurde geschrieben von Osman Yoncaova.
Seine website und einen Fundus an Gedanken und Texten findet Ihr hier.

 

Das Foto oben
ist von Marc Riboud, der die 17jährige
Jan Rose Kasmir fotografierte, wie sie dem National Guard mit einer Chrysantheme gegenübertrat. Sie tat dies im Oktober 1967, während des mehr als 100.000 Menschen zählenden Marschs aufs Pentagon – einer Reaktion auf den Krieg der USA in Vietnam.
Mehr zum Bild und seinem Kontext hier.

 

Der Soundtrack
zu meinem Text – und dem Frieden – klingt immer und immer wieder so.

 

Oder
seit vorhin auch so – gedichtet von Pete Seeger auf das schottisch/ irische „Wild Mountain Thyme“.

(…) if you and I should see those flowers
then go and tell your neighbours
when the first seed is planted
it takes hard and careful labour.

Lasst uns diese Arbeit immer wieder gemeinsam tun – mit leichter Hand und klarem Grundklang.